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Von Flach- und Hürdenrennen zum CHIO
Die Geschichte des Aachen-Laurensberger Rennvereins

"Ich habe über drei Jahre gespart, um in diesem Jahr wieder in Aachen sein zu können." Ganz so viel Mühe wird den Reitern und Fahrern heute nicht mehr abverlangt, wie 1952 dem Ungarn Tibor von Pettko-Szandtner - zumindest nicht finanziell. Sportlich dagegen gehört einiges dazu, um zum Weltfest des Pferdesports, dem CHIO Aachen, eingeladen zu werden. Es ist nicht weniger als die internationale Reitelite, die sich seit Jahrzehnten auf dem Turniergelände des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) bei den Spring-, Dressur- und Fahrwettbewerben misst. 2007 wurde der CHIO schließlich um die zwei Disziplinen Vielseitigkeit und Voltigieren erweitert. Und auch Welt- und Europameisterschaften im Reitsport - darunter 2006 zum ersten Mal die Weltreiterspiele in Deutschland - gehören zu Aachen wie Kaiser Karl der Große, Printen, der Orden "Wider den tierischen Ernst" oder die Fußballer der Alemannia. Eine Stadt, die Emotionen weckt.

"Er hat genug getan. Ich habe ihn nur noch einmal mitgebracht, damit er Aachen zum Abschied noch einmal sehen kann", zeigte sich beispielsweise Fritz Thiedemann beim letzten Auftritt seines legendären Springpferds Meteor 1961 gerührt. Von einem enthusiastischen Publikum, das damals wie heute eine mehr als prickelnde Atmosphäre verbreitet. "Aachen, das bedeutet Spitzensport - aber auch und vor allem Volksfest", sagt ALRV-Präsident Klaus Pavel.
Von dieser Entwicklung war freilich 1898 noch nichts zu ahnen, als sich Gutsbesitzer, Fabrikanten, Landwirte, Viehhändler und Reitlehrer aus der Region zunächst zum "Laurensberger Rennverein" zusammenschlossen. Das Vorhaben schien ganz simpel: Den pferdesportbegeisterten Aachenern sollten gemeinsam organisierte Pferderennen den Alltag versüßen. Dabei waren die historischen Fußstapfen, in die man reiten wollte, schon zu dieser Zeit gewaltig. Unter der Schirmherrschaft von Karl dem Großen waren bereits eintausend Jahre zuvor die Reiter gegeneinander ins Feld gezogen - rein sportlich natürlich. Eine Tradition, die Aachen bis zum 19. Jahrhundert den Ruf eines "Pferdemekkas" einbrachte.

Nach ersten Geh- oder besser Reitversuchen fand der mittlerweile in "Aachen-Laurensberger Rennverein" umbenannte Klub Anfang der 1920er Jahre seine heutige Heimat: Auf dem weitläufigen Turniergelände in der Aachener Soers. 1924 konnte hier neben dem gewohnten "Renntag" das erste so genannte "Reit- und Fahrturnier, verbunden mit Flach- und Hürdenrennen" eröffnet werden. 20 000 Zuschauer waren begeistert und die Grundlagen für den CHIO gelegt. Von nun an ging es rasant weiter: 1927 folgte das erste internationale Turnier und zwei Jahre später der erste Nationenpreis, mit dem die eigentliche Ära des CHIO (Concours Hippique International Officiel) begann. 1938 reisten bereits rund 120 000 Gäste aus ganz Europa in die Soers und traten in fünfzig Prüfungen 600 Pferde mit ihren Reitern gegeneinander an.

Der Krieg bedeutete eine Zäsur, aber für das Turnier nicht das Aus. Schon 1947 wehten wieder die Fahnen der ehemaligen deutschen Kriegsgegner Großbritannien, USA oder der Niederlande im weiten Rund des Reitstadions. Sport als Völkerverständigung - und Aufbruch in eine neue Zeit. Fritz Thiedemann, Hans Günter Winkler, die Schockemöhles, die d´ Inzeos oder Nick Skelton; Dr. Reiner Klimke, Josef Neckermann, Liselott Linsenhoff, Elena Petushkova oder Nadine Capellmann und Isabell Werth; Richard Talbot, Ijsbrand Chardon oder Michael Freund. Es sind Namen, die in den folgenden Jahrzehnten in Aachen Reitsportgeschichte schreiben sollten. Sportler und ihre Pferde, die spektakuläre Triumphe feiern durften und herbe Enttäuschungen hinnehmen mussten. Beim Weltfest des Pferdesports, bei Welt- (Springen 1955, 1956, 1978 und 1986; Dressur 1970) und Europameisterschaften (Springen 1958, 1961, 1965, 1971; Dressur 1967, 1973, 1983). "Aachen war meine reiterliche Heimat", sagte der legendäre deutsche Springreiter Hans Günter Winkler im Rückblick. "Ich hatte das Glück, hier große Siege erringen zu können. Und der krönende Abschluss war für mich die Beendigung meiner Laufbahn vor 50 000 Zuschauern bei der WM 1986 in der Soers."

Dort, wo die Menschen den Sport leben, wie nirgends sonst. "Man hat den Eindruck, wenn man Bewohner von Aachen trifft, dass alle nur für das Turnier da sind, angefangen beim Zollbeamten, beendet beim Friseur. Man muss nach Aachen gehen, wenn man reitet, und man muss so oft wie nur möglich nach Aachen gehen, wenn man weiter reiten will", erkannte schon US-Trainer Bertalan de Nemethy in den 1960ern. Und so kommen Jahr für Jahr immer mehr Zuschauer - fast 360. 000 waren es 2008. Darunter immer wieder gekrönte und ungekrönte Häupter der High-Society: Könige und Präsidenten, kirchliche Würdenträger, internationale Sport- und Medienprominenz oder die Stars und Sternchen der Showbranche. Der CHIO gilt längst als das renommierteste Reitturnier weltweit.

Eine Tradition, die verpflichtet: 2004 bis 2006 wurde das Turniergelände runderneuert und damit auch fit gemacht für die fünften Weltmeisterschaften/Weltreiterspiele in sieben Disziplinen - Springreiten, Dressur, Vielseitigkeit, Fahren, Distanzreiten, Voltigieren und Reining - vom 20. August bis zum 03. September 2006. Erstmals in Deutschland, erstmals auf einem Turniergelände, bei dem die Wettkampfstätten aller Disziplinen bequem Fuß zu erreichen waren. Ein Sportereignis der Superlative: Knapp 800 Sportler und ihre Pferde kämpften um 16 Goldmedaillen - und 576.000 Besucher sowie 1,6 Milliarden Fernsehzuschauer zitterten mit. "Hier war es einfach sensationell. Denn diese wahnsinnige Atmosphäre hat nicht nur die Reitsportfans sondern auch viele andere Menschen erreicht. Diese WM hat viel für den Reitsport bewirkt", sagt niemand anderes Ludger Beerbaum, einer der erfolgreichsten Springreiter aller Zeiten. Die Zukunft hat in Aachen also längst begonnen.